Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought

Preisverleihung: Ibn Rushd Preis für Freies Denken an Internetplattform al-Hewar al-Mutamaddin

Am 26. November 2010, um 19 Uhr im Museum für Islamische Kunst (Pergamon Museum) in Berlin nimmt Rezgar Akrawi den Preis für al-Hewar al-Mutamaddin persönlich entgegen.

Mit dem Preis ehrt der Ibn Rushd Fund die Bemühungen al-Hewar al-Mutamaddins um einen offenen und zivilisierten Diskurs zwischen Mitgliedern arabischer Gesellschaften. Das Internetforum in arabischer Sprache ist bemüht, Autorinnen und Autoren, Leserinnen und Lesern die Möglichkeit zu geben, sich auch über ansonsten mit Tabus belegten Themen in offener und ehrlicher Weise auszutauschen, um so Vorstellungen über gesellschaftlichen Fortschritt gemeinsam  auszuloten und in demokratischer Weise zu fördern.

Eine vom Fund unabhängige Jury, bestehend aus vier prominente arabische Experten auf dem Gebiet des Preisthemas, wählte al-Hewar al-Mutamaddin aus insgesamt 13 Kandidaten aus 7 Ländern: Irak, Marokko, Ägypten, Jordanien, Syrien, Vereinigte Arabische Emirate, Saudi-Arabien.

Dr. Stefan Weber,<br> Director of Museum for Islamic Art

Der Museumsleiter Dr. Stefan Weber wies darauf hin, wie wichtig es sei, dass im Museum auch Begegnungen mit der Kultur der Gegenwart ermöglicht werden. Darum begrüße er sehr, dass die Ibn Rushd-Preisverleihung in seinen Räumen stattfinde, denn „Geschichte geschieht nicht einfach, sondern sie wird gemacht“.

 

Prof. Dr. Christoph Wulf (FU Berlin),<br> Vize President of German<br> UNESCO-Commission)

In seiner Begrüßungsrede gratulierte Prof. Dr. Christoph Wulf (FU Berlin), Vizepräsident der deutschen UNESCO-Kommission) dem Preisträger Rezgar Akrawi zur Verleihung des Ibn Rushd Preises an seiner Diskussionsplattform al-Hewar al-Mutamaddin. Internetforen und Blogs seien eine neue virtuelle Variante der ‚Speaker’s Corner’ im Londoner Hyde Park. Wulf wies auf die 'langjährige Nachbarschaft' der Deutschen UNESCO mit dem Ibn Rushd Fund hin, bei der ersten Verleihung des Preises 1999 im „Haus der Kulturen der Welt“ in Berlin veranstalteten sie Tür an Tür eine internationale Tagung zur Aktualität des Gedankenguts von Averroes/Ibn Rushd für den interkulturellen Dialog unserer Zeit.

Hikmat Bushnaq-Josting, 1. Vorsitzender des Ibn Rushd Funds

Hikmat Bushnaq-Josting, 1. Vorsitzender des Ibn Rushd Funds, heißt alle Gäste willkommen und bittet die Redner auf die Bühne.

Cora Josting (Ibn Rushd Fund,<br> Member of Advisory Board)

In der Begrüßungsrede des Ibn Rushd Funds wies Cora Josting mit Heinrich Heine - „Die Gedanken sind frei“ - darauf hin, dass Offenheit ein Wert ist, der kaum zu unterschätzen ist für zivile und freie Gesellschaften. Al-Hewar al-Mutamaddin als einer Initiative, die den Wert der Zivilisation im Dialog sähe, gebühre die Ehre, den Ibn Rushd Preis für Freies Denken 2010 zu erhalten.

 

 

Dr. Stefan Weber,<br> Prof. Dr. Christoph Wulf,<br> Cora Josting

Für diesen 12. Ibn Rushd Preis habe der Fund sich bewusst für ein Thema entschieden, das sich auf die jüngere Generation bezieht, deren Einsatz für das Freie Denken gegenwärtig stattfindet und die daher nicht nur die aktive Unterstützung des Ibn Rushd Funds, sondern auch die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit braucht.

 

Dr. Khaled Hroub

Dr. Khaled Hroub (Cambridge Arab Media Project) lud ein zum Nachdenken über das Dreigespann Ibn Rushd (Averroes), al-Hewar al-Mutamaddin (zivilisierter Dialog) und Martin Luther, der unweit der Gastgeberstadt Berlin einst zu Beginn des 16. Jahrhunderts die Reformation begann. Die Kritik und das Denken von Ibn Rushd führten unweigerlich zur Reform der Religion durch Thomas von Aquin, die ganz Europa auf die folgende Revolution des Denkens vorbereitete.

Dr. Khaled Hroub

Beide, Ibn Rushd und Thomas von Aquin, legten die Basis für die Regeln eines zivilisierten Dialogs, für den die Lutheraner der protestantischen Revolution gekämpft haben, und ohne die Europa und der Westen nicht zu dem geworden wären, was sie heute sind.
Hroub warnte, dass, wenn man von der Idee besessen ist, die absolute Wahrheit zu besitzen, ein eindimensionales Denken entstehen würde, das in einer Rückschrittlichkeit enden würde. Die einzige Alternative zu diesem Erhabenheitsdenken sei der Weg des Pluralismus.

Dr. Khaled Hroub

Man müsse konkurrierende Meinungen zulassen und versuchen, die eigene durch Beweisführung und Diskussion zu behaupten, und nicht sie für absolut erklären und als für die gesamte Menschheit einzig gültig. Dieser Prozess sei hart und zuweilen langweilig, und erwecke so manches Mal die gefährliche Sehnsucht nach einem resoluten Eingreifen, so Hroub; die große Tugend sei, diesen Prozess  trotz aller Widrigkeiten friedlich zu gestalten.

 

Dr. Khaled Hroub

Der Kampf um die Vernunft sei ein Abenteuer mit vielen Gefahren angesichts des vorherrschenden Glaubens an das Übersinnliche. Gefahren, auf die sich auch das Diskussionsforum al-Hewar al-Mutamaddin von Rezgar Akrawi mit großem Mut eingelassen habe. Die Betreiber des Forums nutzten die Offenheit des Internets, um die Tür weit aufzustoßen, und nähmen dabei wissentlich in Kauf, persönlich als Ungläubige, Verräter oder Spion bezeichnet zu werden. Daher, so Hroub, verdiene al-Hewar al-Mutamaddin die Ehrung des Ibn Rushd Funds und den Preis in Berlin. Hroub beendete seine Laudatio mit der Feststellung, dass   beide - der Preisträger und der Fund – es verdienten, dass Martin Luther seinen Hut vor ihnen als Zeichen des Respekts und Anerkennung zieht.

Von links nach Rechts: Cora Josting, Fawaz Farhan, Rezgar Akrawi, Bayan Gubrail Saleh,<br> Hikmat Bushnaq-Josting, Abdulbary al-Mudarris,<br> Sami Ibrahim, Fadia Foda, Abier Bushnaq
Rezgar Akrawi bedankt sich für die Auszeichnung seines Internetforums al-Hewar al-Mutamaddin.
Hikmat Bushnaq-Josting, 1. Vorsitzender des Ibn Rushd Funds, übergibt Rezgar Akrawi den Preis für al-Hewar al-Mutamaddin.
Von links nach Rechts: Cora Josting, Fawaz Farhan,<br> Rezgar Akrawi, Bayan Gubrail Saleh,<br> Hikmat Bushnaq-Josting, Abdulbary al-Mudarris,<br> Sami Ibrahim, Fadia Foda, Abier Bushnaq<br><br>Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought verleiht dem Internetforum Modern Discussion (www.ahewar.org) den Ibn Rushd Preis für Freies Denken 2010 für seine Bemühungen um einen offenen, zivilisierten Dialog in der arabischen Welt

Rezgar Akrawi, Gründer und Hauptkoordinator von al-Hewar al-Mutamaddin, begann seine Rede mit einer Darstellung der wesentlichen Merkmale moderner Kommunikationsmittel. Das Zusammenspiel zwischen Telekommunikationstechnologie bzw. Internet und den Medien sind auf kultureller, geistiger und politischer Ebene zu einer neuen Wirklichkeit geworden.Moderne Medien hätten einen globalen Charakter und globale Präsenz, die Grenzen überschreite. Lokale Gesetze, die die Freiheit der Presse, der Religion und Meinungsfreiheit einschränken könnten umgangen werden. Sie erlaubten eine schnelle Berichterstattung über Ereignisse ohne jegliche Einschränkung und einen leichten Zugang für Leser. Akrawi, der sich als linker Internetaktivist versteht, wünscht sich eine Linke, die den größtmöglichen Nutzen aus der technologischen und kommunikationstechnischen Entwicklung zieht. Gefragt sei eine Linke, die eine vernunftorientierte und realistische Politik auf der Agenda hat, die den Menschen als das Wichtigste betrachtet, ungeachtet seiner Abstammung, Religion oder Geschlecht, und die an die absolute Gleichberechtigung der Frau glaubt und ihr eine Quotenregelung einräumt.

 

Auf den Seiten von al-Hewar al-Mutamaddin werden Menschenrechtsverletzungen aufgedeckt; dabei spielen u.a. Online-Kampagnen eine große Rolle, die auch zur Bekämpfung von Despotismus eingesetzt würden. Al-Hewar al-Mutamaddin setzt sich vehement ein für die Abschaffung der Todesstrafe in der arabischen Welt.
Auf der Webseite des Forums werden täglich 100 Essays, 600 Kommentare und 2000 Newsticker publiziert. An der Publikation beteiligten sich mehr als 15 000 Autorinnen und Autoren. Es wurden bisher insgesamt mehr als 200 000 Beiträge in allen Fachbereichen publiziert. Auf die Seiten von al-Hewar al-Mutamaddin greifen täglich mehr als 160 000 Besucher zu (seit seiner Entstehung  waren es über 310 Millionen Nutzer und etwa 550 Millionen Beiträge, die gelesen wurden).
Al-Hewar al-Mutamaddin habe es geschafft, eine Vorrangstellung unter den Webforen von Medienanstalten der arabischen Welt einzunehmen mit einem Budget, das bei der Gründung nicht mehr als 20 Dollar monatlich ausmachte. Das Forum finanziere sich selbst durch Google-Werbung und Spenden seiner Autorinnen, Autoren und Unterstützer.

Von links nach Rechts: Dr. Khaled Hroub, Prof. Christoph Wulf, Rezgar Akrawi, Bayan Gubrail Saleh, Fawaz Farhan
Von links nach Rechts: Dr. Khaled Hroub, Bayan Gubrail Saleh, Rezgar Akrawi, Fawaz Farhan
Dr. Khaled Hroub, Prof. Dr. Christoph Wulf (FU Berlin), Vizepräsident der deutschen UNESCO-Kommission
Von links nach Rechts: Al-Hewar al-Mutamaddin Team: Fawaz Farhan, Bayan Gubrail Saleh, Rezgar Akrawi

Um die 90 Personen - arabische und deutsche Persönlichkeiten, Akademiker und Vertreter aus Kultur, Politik und Gesellschaft - versammelten sich in den Steinmauern des Umayyadischen Winterschlosses aus dem 8. Jahrhundert des Mschatta-Saals des Museums für Islamische Kunst in Berlin. Einige Gäste kamen von weither, aus Heidelberg, Bremen und Karlsruhe. Einige Journalisten nutzen die Gelegenheit für ein Interview mit dem Preisträger udn Laudator. Am Schluss wurden Baqlawa und aromatisierten Tee serviert.

Dr. Günther Orth übersetzt alle Reden simultan ins Deutsche/Arabische.
Vor Khaled Hroubs Laudatio entspannte das Publikum bei Musik eigener Kompositionen von Saif Karomi am Oud.
 
Mabruk, al-Hewar al-Mutamaddin !

Text: Abier Bushnaq
Foto: Berit Rackwitz and Sami Ibrahim