Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought

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Fadia Foda ließt die Rede der 2012 Ibn-Rushd Preisträgerin Razan Zaitouneh.

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Der Syrische Philosoph Prof. Sadiq Jalal al-Azm nimmt stellvertretend für die syrische Preisträgerin Razan Zaitouneh den Ibn Rushd Preis 2012 an. Der 2. Vorsitzende des Ibn Rushd Funds Dr. John Nasta überreicht die Urkunde.

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Rede der Preisträgerin Razan Zaitouneh anlässlich der Verleihung des Ibn Rushd Preises 2012

Seien Sie herzlich gegrüßt,

einen Dank, glaube ich, erwarten Sie eigentlich nicht von mir, denn der Dank gilt den Revolutionen des Arabischen Frühlings, speziell der heldenhaften Revolution des syrischen Volkes. Diese besondere Zeit der Geschichte gibt Ihnen und mir die Chance, mit mehr Zuversicht an unsere Grundrechte auf Freiheit und Würde zu glauben.

Vor ungefähr zehn Jahren erzählte mir ein entlassener Häftling, der seine Haft im Militärgefängnis Saidnaya abgesessen hatte, die Geschichte von Faris Murad.
Faris war bis zu diesem Zeitpunkt, also bis 2002, in Gefangenschaft wegen seiner Mitgliedschaft in der arabischen kommunistischen Partei - 26 Jahre lang. Ich war erschrocken, dass ich seinen Namen noch nie gehört hatte! Eine Person, die all diese Jahre aus politischen Gründen im Gefängnis saß, sollte eigentlich eine Legende sein, wie Nelson Mandela. Von diesem Moment an begann ich, mit einer Gruppe von Freunden Namen von länger inhaftierten Gefangenen zu sammeln und zu dokumentieren. Wir befragten entlassene Gefangene und mussten uns auf ihr Erinnerungsvermögen verlassen. Nach und nach nahmen wir Kontakt mit deren Verwandten und Angehörigen auf.

Bald musste ich erkennen, Faris war nicht der einzige legendäre Held, denn es gab Tausende wie Faris, die ihr 20. und 25. oder 28. Jahr in Gefangenschaft verbrachten. Und es waren auch keine „Geschichten“ der Vergangenheit, die hinter dem Vorhang der Vergessenheit verborgen werden sollten, wie unsere Familien aus Angst uns einzureden versuchten – uns, der jungen Generation, die die Ereignisse der 80er Jahre nicht selbst erlebt haben.
Nein, es war eine unsichtbare Realität, die jeder einzelne Syrer allein ertrug. Es war die Realität des Heimatlandes, das gefangen ist in seiner Vergangenheit mit all den Geschehnissen und Schmerzen, deren Folgen bis heute in den einfachsten Kleinigkeiten in unserem Alltag zu spüren sind.

Die folgenden Jahre waren für mich wie eine Neuentdeckung der Geschichte Syriens und ihrer Gegenwart. Wir waren beschäftigt, die Erinnerung, die das Regime löschen wollte, zu erforschen, zu dokumentieren und wieder zu beleben, und so viele wie möglich der unsere moderne Zeit prägenden Details zu sammeln. Die schönsten und gleichzeitig schmerzvollsten Momente waren die, wenn wir entlassene Gefangene besuchten, um ihre Geschichten zu hören – jede einzelne von ihnen war so gewaltig wie die Geschichte einer Heimat.

Ich vermisse diese Tage, die kleinen Gruppen der Freunde und Aktivisten, mit denen wir in den vergangenen zehn Jahren zusammen gearbeitet haben. Die meisten unserer Zusammenkünfte und Aktivitäten erfolgten in absoluter Geheimhaltung. Wir vereinbarten untereinander besondere Chiffren, mittels der wir uns in Gesprächen verständigten und Informationen austauschten oder uns bewegten. Jedes Mal, wenn wir die Tür hinter uns schlossen, sorgten wir uns, ob wir beobachten werden oder dass eine Patrouille der Sicherheitskräfte uns observiert. Jedes Mal, wenn das Telefon klingelte, fürchteten wir, dass es eine Vorladung zu einem der Sicherheitsdienste war. Die meisten Freunde blieben vor willkürlicher Verhaftung und Gerichtsprozessen nicht verschont. An den Gerichtsanhörungen teilzunehmen war die einzige Gelegenheit, bei der wir alle als Aktivisten öffentlich präsent sein konnten, obwohl dies nicht ohne tägliche Belästigungen der Sicherheitsorgane geschah.

Während dieser Jahre verbrachten wir - Aktivisten, Anwälte und Familien der politischen Gefangenen – mehr Zeit auf dem Bürgersteig vor dem Staatssicherheitsgericht als an irgend einem anderen Ort: Auf dem Bürgersteig, der sowohl die Geschichte eines mächtigen Systems verkörpert, mächtig in seiner Fähigkeit, Unrecht zu tun, als auch die Geschichte eines Volkes verkörpert, das tapfer in seiner Fähigkeit ist, große Schmerzen zu ertragen. Wie oft warteten wir auf diesem Bürgersteig auf den Gefängniswagen! Wie oft haben wir, wenn er dann ankam, die Schreie der Mütter gehört und die Tränen der Frauen und Kinder gesehen! Und die Mütter wussten nicht einmal, ob ihre Söhne, die seit Monaten oder Jahren vermisst sind, sich tatsächlich in diesem Wagen befinden oder nicht. Aber sie warteten immer – unermüdlich – weiter. Es ist die Geschichte von Zehntausenden von Inhaftierten und Verschollenen in Syrien vor Beginn der Revolution.

Als Menschenrechtsaktivistin setzte ich den Schwerpunkt auf die Beobachtung und Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen. Der wichtigste Aspekt dabei war aber, sich mit den Opfern dieser Verstöße und mit ihren Familien selbst zu befassen. Es ging nicht nur darum, sich solidarisch zu zeigen oder rechtlichen Hilfsbeistand zu leisten. Das wichtigste war, die Mauern zwischen uns Syrern stürzen zu lassen,… jene Mauern, die das System seit vielen Jahrzehnten errichtet hatte und damit versuchte, uns einzuschüchtern, dass wir voreinander Angst hatten und das Vertrauen ineinander verloren, damit jedes Opfer und seine Familie glaubten, sie seien allein und die Welt um sie herum gehe normal weiter, dass niemand sich um ihr Leid kümmere und niemand mit ihnen fühle.

In den wenigen Monaten vor der Revolution war das Regime sehr verunsichert, und hin- und hergerissen zwischen dem Nicht-Glauben-Wollen, dass Demonstrationen in Syrien jemals stattfinden würden und der Angst, dass es doch passieren könnte. Es tat alles, um jeden Anschein eines Protests im Keim zu ersticken, so klein er auch gewesen sein mag.
Das meiste, was uns damals beschäftigt hat, waren Vorladungen vom Sicherheitsdienst, es waren Stunden der nackten Angst und Demütigung. Natürlich ist das nicht vergleichbar mit der Situation der Gefangenen, bei denen brutale Foltermethoden und Misshandlung Praxis war. Dennoch, psychologisch waren diese Vorladungen zu Verhören nicht weniger grausam.

Mit dem Wind des Wandels in Tunesien und Ägypten erlebten wir die Repression noch heftiger und schärfer als sonst. Wenn beide Völker es geschafft hatten, warum nicht wir? Aber wie? Bei dieser verbreiteten Angst, die intensiver wurde, je größer die Härte der Unterdrückung von Tag zu Tag wurde. Es herrschte ein vehementes Gefühl, dass die Zeit für die Syrer drängte, sich für ihre Freiheit zu erheben.
Offizielle Stellungnahmen der Regierung schlossen aus, dass es eine syrische Revolte geben würde. Auch viele Analysten haben diese Möglichkeit ausgeschlossen.

Kleine Demonstrationen wurden in der Hauptstadt Damaskus in Solidarität mit den arabischen Revolutionen organisiert und mit brutaler Gewalt niedergeschlagen: die Kundgebung von Suq al-Hariq z. B., in der Demonstranten skandierten "Das syrische Volk lässt sich nicht erniedrigen!", dann die Demonstration von al-Hamidiyya, eine weitere Demonstration fand vor dem Innenministerium statt, während der die meisten unserer Freunde festgenommen wurden. Ein großer Teil dieser Proteste wurden von Aktivisten und Intellektuellen organisiert, weniger auf Volksebene. Niemand konnte damals wissen, dass die Herzen der Syrer, die von Ungerechtigkeiten übervoll waren, im Stillen kochten, und dass in den nächsten Tagen massive Demonstrationen in der Stadt Daraa ausbrechen würden, um die Verhaftung und die Folterung mehrerer Kinder, die Freiheitsparolen an die Wände ihrer Schule geschrieben hatten, zu verurteilen.

Vor unseren Augen spielte sich ein wahres Wunder ab. Trotzdem konnten wir die Aufmerksamkeit der Medien noch immer nicht gewinnen, und sie nicht davon überzeugen, dass das Wunder wirklich geschah. Wir begannen, so viele Details wie möglich über das Geschehen in Daraa zu sammeln. Ich erinnere mich, wie ich in einem Telefonnotizbuch nach den Telefonnummern von politischen Gefangenen und ihren Familienangehörigen aus der Gegend von Daraa suchte. Auf diese Weise konnte ich sie zum ersten Mal kontaktieren, und so erhielt ich - von einer Quelle zur anderen - mehr und mehr Informationen, die ich an verschiedene Medien weiterleitete.

Nach einigen wenigen Wochen wurde jedoch klar, dass Syrien tatsächlich nicht wie Ägypten oder Tunesien war: Das syrische Regime hatte keine Hemmungen, auf junge Männer, Frauen und Kinder das Feuer zu eröffnen, nur weil sie auf die Straße gingen und Parolen riefen, in denen sie ein Leben in Würde und Reformen forderten.

Ich beschloss, unterzutauchen, um einer Verhaftung, die unweigerlich kommen würde, zu entgehen. Das war am 21. März 2011. Mein Hauptinteresse galt, wo immer ich konnte, Zugang zu Informationsquellen zu bekommen und Kontakt mit den Medien aufzunehmen, damit jene die Nachrichten verbreiten und sich damit näher beschäftigen konnten. Außerdem befasste ich mich schwerpunktmäßig damit, Fälle von Menschenrechtsverletzungen, Verhaftungen, Folter, Mord und Ähnliches zu dokumentieren. Allmählich begann das Netz von Beziehungen, sich zu einer stärker strukturierte Arbeitsform zu entwickeln, die zum Ziel hatte, besser zu kommunizieren und Informationen, Erfahrungen und Nachrichten auszutauschen. Daraus entstand im April 2011 das, was wir heute Lijan at-tansiq - "Local Coordination Committees“ in Syrien - nennen. Wir begannen, die Büros der Koordinationskomitees für Öffentlichkeitsarbeit, Politik und Revolution aufzubauen, überzeugt davon, dass die Revolution begonnen hatte und nicht mehr aufzuhalten ist, bis ihre Ziele verwirklicht sind. Wir versuchten, den Diskurs und die politische Vision der Revolution zu formulieren.

In den folgenden Monaten wurden die Verstöße, die vor der Revolution passierten, weniger wichtig. Es gab keine Zeit, sich auf etwas anders als die täglichen Details zu konzentrieren, die wir erlebten und dokumentierten: zügelloses Töten, brutale Folter von Kindern, aufeinanderfolgende Massaker.

Nach der Verhaftung meines Mannes und Schwagers im Mai 2011 habe ich meine Sicherheitsvorkehrungen erhöht. Ich wechselte häufig meine Unterkunft und zog von einem Stadtteil zum nächsten. Es ist traurig, wenn man in seiner eigenen Stadt nirgendwo zu Hause ist.
In den Vororten und ländlichen Regionen bleiben die untergetauchten Aktivisten in ihren heimatlichen Gebieten, Damaskus dagegen wurde sich selbst und ihren eigenen Kindern gegenüber fremd - eine Militärgarnison mit Barrieren, die die Stadt in winzige Teile zerschnitt, wie ein Labyrinth, in dem wir unsere Wege sorgfältig auswählten, um Kontrollcheckpoints, bei denen Personalausweise geprüft werden und die für gesuchte Personen die sichere Verhaftung bedeuten, zu umgehen. Das Herz von Damaskus, die alten historischen Viertel, sind immer noch von Zerstörungen, die alle anderen Städte erfasst haben, verschont geblieben. Wir alle wissen - daran besteht keinen Zweifel -, dass es noch kommen kann: Es ist schwerer vorstellbar als das Warten auf den sicheren Tod: die Vorstellung, dass die Umayyaden-Moschee, das Naufara-Kaffee, der Medhat Pasha-Suq, die Tawil-Straße, das Amara-Viertel, zerstört würden: ein Horrorszenario!

Nach vielen Monaten der sich gleichenden Tage war ich nicht mehr fähig, dieselben Worte zu wiederholen: die Zahl der Märtyrer zu nennen und Details über die Folter dieses Kindes oder jenes alten Mannes zu beschreiben, die grausame Wirklichkeit wiederholt zu benennen, dass sich Menschen noch im 21. Jahrhundert mit einer solchen Barbarei konfrontiert sehen müssen. Ich habe plötzlich an vielen Dingen gezweifelt, von denen ich überzeugt gewesen war, und an die ich geglaubt hatte. Deshalb zog ich vor, mich mit den täglichen Geschehnissen unserer Revolution zu befassen. Allein die Revolution gab uns die Kraft, weiter zu machen, besonders nachdem ich mit der Zeit die meisten meiner Freunde verlor. Einige von ihnen waren gefallen, einige waren festgenommen, andere hatten das Land verlassen, und bei einigen von ihnen hatten sich unsere Wege getrennt. Wir wurden Feinde, nachdem wir die besten Kameraden gewesen waren.
Eine Revolution ohne die Freunde, die mit uns angefangen hatten, war einsam und hart. Noch einsamer wird es, wenn man in den Untergrund geht mit all den Umständen, die damit zusammenhängen. Mir ist bewusst, dass ich mich in diesen Monaten sehr verändert habe. Obwohl ich die Arbeit der Beobachtung und Dokumentation fortsetzte, hatte ich nicht mehr das Gefühl, dass die Menschenrechtsarbeit in der Form, in der sie bisher gemacht wurde, noch die Kommunikation mit internationalen Menschenrechtsorganisationen einen Sinn machte.

Wenngleich wir das Gefühl hatten, dass wir fähig waren, grenzenlos fähig, Veränderungen herbeizuführen, so sehr spürten wir aber auch die Unfähigkeit der Welt, sich mit dem syrischen Problem zu befassen, bzw. ein revoltierendes Volk zu unterstützen und ihm zu helfen, das vor den Augen der Welt jeden Tag getötet wurde. In einer Revolution gibt es viele Möglichkeiten, heiße Tränen zu vergießen. Nicht immer hat es mit dem Tod zu tun. Du kannst weinen, wenn dich die Nachrichten aus Basra al Sham und die Zerstörung ihrer historischen Monumente erreichen, oder wenn du von der Explosion einer Granate im „Bett der Emira“ in Bosra hörst, oder wenn du siehst, wie die historischen Märkte von Aleppo durch eine Bombe in Trümmer und Asche verwandelt werden.

Vielleicht will man nicht nur vor den Augen der Henker des Regimes untertauchen, sondern auch vor vielen Aspekten in einem selbst. Man bemüht sich, sie zu vermeiden, sie und die damit verbundenen Schmerzen. Ein Gefangener sehnt sich nach Freiheit, nach seinem Haus und seinem Zimmer. Im Leben im Untergrund sehnt man sich nach nichts. Selbst die Idee der Sesshaftigkeit erscheint lächerlich, als ob wir im Nirgendwo geboren sind und uns nichts mehr mit der Vergangenheit verbinden würde.

Es ist in der Tat auch schwierig, an die Zukunft zu denken, jene Zukunft, über die wir uns in den ersten Monaten der Revolution unaufhörlich gefragt haben, wie sie wohl sein würde. Heute scheint es, dass diese Zukunft ungewiss ist. Sie ist mit Angst behaftet. Die Zukunft ist Familie und liebe Freunde, aber vor der Tatsache, dass bis jetzt 35.000 Menschen ihr Leben ließen, stellt sich die Frage, wie ihre Familien und Kinder ihren Schmerz mit sich führen werden auf der Schwelle des Übergangs zur nächsten Zeit. Die Zukunft bedeutet auch die Erinnerung jener Zehntausend, die die Erfahrung von Haft, Schmach und Folter durchlebt haben. Die Zukunft bedeutet auch für Millionen von Syrern obdachlos zu sein, nachdem ihre Häuser und Besitztümer in Schutt und Asche verwandelt worden sind.

Was die Vertriebenen im Landesinneren betrifft, so mussten diese bis heute einmal, zweimal, dreimal ihren Ort wechseln. Jedes Mal, wenn sie sich an einen sicheren Zufluchtsort begeben hatten, verwandelte der sich schnell zu einem Kriegsgebiet. So bleibt einem nichts anderes übrig, als einen neuen Zufluchtsort zu suchen. Und der Kreis um die Vertriebenen wird immer enger. Die relativ sicheren Orte werden immer knapper und sind in großem Maße überfüllt. Flüchtlinge und Vertriebene, wie Gefangene und Märtyrer, sind nicht nur Zahlen. Es ist einfach, zu sagen, dass mehrere Millionen Menschen von einem Ort zum anderen ziehen - Frauen, Kinder und alte Menschen. Jedes Mal sind sie gezwungen, mit denselben Kleidungsstücken weiter zu ziehen, die sie am Leibe tragen. Selbstverständlich gibt das Regime keine Vorwarnung an das Gebiet, welches es bald mit seinen Kampfflugzeugen und Kanonen bombardieren wird.

Ich denke viel darüber nach, wie viel Leid uns noch bevorsteht, wenn wir gesiegt haben. Die Menschen werden nicht alle wieder zu ihren Vierteln und Wohngebieten zurückkehren können. Es wird ihnen nicht möglich sein, den Moment des Sieges auszukosten, der es vermag, ein wenig von ihrem Schmerz zu lindern. Sie haben keinen Ort, zu dem sie wieder zurückkehren können, erst nach einem gewissen Zeitraum des Wiederaufbaus, der vielleicht lange dauern wird. Selbst dann, wenn sie wieder zurückkehren, wie soll das wieder aufgebaut werden, was in ihren Herzen zerstört ist, von ihren Erinnerungen entrissen wurde, was sie an Kleinigkeiten des täglichen Lebens in den Trümmerhaufen der zerstörten Mauern und Wege hinter sich gelassen haben?

Ich denke, es ist nicht immer möglich, einen Menschen vor der Kugel eines Scharfschützen oder einer intelligenten Bombe zu retten. Aber noch schmerzvoller ist es, wenn man nicht imstande ist zu helfen, die einfachsten Grundbedürfnisse der Vertriebenen, wie Essen und Kleidung, zu decken. Diese menschliche Tragödie wiederholt sich – an verschiedenen Orten - immer wieder. Die internationalen Organisationen sind unfähig, einen noch so kleinen Teil dieser Bedürfnisse zu decken. Viele Aktivisten wurden in den letzten Monaten nach der Militarisierung der Revolution zu Rettungshelfern. Andere wurden bedingt durch ihre Erfahrungen, die sie während der Revolution gesammelt haben, zu Menschenrechtsaktivisten, die Menschenrechtsverletzungen beobachten und dokumentieren. Andere spezialisierten sich auf dem Gebiet der Medien. Erstaunlicherweise haben die Syrer inmitten all des Tötens und der Zerstörung nie aufgehört, ihre Fähigkeiten zu sammeln, aufzubauen und weiter zu entwickeln. Die meisten Städte und Regionen waren für eine längere Zeit vom Internet abgeschnitten. Ich habe mich sehr über die Geduld unserer jungen Syrer gewundert, die stundenlang daran bastelten, ein Videoclip über die Internetseite "Dial up" hochzuladen, oder über das Handy an einer kompletten Telefonkonferenz teilzunehmen, oder verschiedene kreative Mittel zu suchen, um in der Lage zu sein, einen Internetanschluss zu finden, die am häufigsten verwendeten Methode, miteinander, mit der Welt und den Medien, zu kommunizieren.

Während einige die Geduld verloren und sie sich entschlossen zu gehen, blieben die meisten da und leisteten Widerstand. Ihre bevorzugte Parole war: "Wir werden hier bleiben!" Die Entscheidung, unter diesen Umständen in Syrien zu bleiben - insbesondere jener Aktivisten, die sich nicht dem bewaffneten Widerstand anschließen wollten -, war nicht einfach. Das hat übrigens überhaupt gar nichts mit Mut zu tun. Es hat in erster Linie mit der Position zu tun, die man für sich in dieser Revolution wählt, weil man an diese Ansicht und an die Revolution glaubt: Aus dem einfachen Wunsch heraus, den Menschen zu helfen, weiterzumachen; den Willen zum Widerstand zu verbreiten; aus dem Wunsch heraus, dass wir es denjenigen, die ihr Leben verloren haben, zu verdanken haben, dahin gekommen zu sein, wo wir heute sind, und es andere denjenigen, die noch ihr Leben verlieren werden, zu verdanken haben werden, dass sie dahin kommen, wo sie morgen sein werden.

Wir glauben an die Revolution - aus dem Wunsch heraus, den Mörder und das, was er an Tod verbreitet, herauszufordern - aus der Hoffnung heraus, dass das, was wir heute tun, ein Baustein sein kann für den Wiederaufbau von Morgen, ein Wiederaufbau dessen, was in uns und zwischen uns zerstört wurde. Es ist ein Gemisch aus all dem. Deshalb kann ich in der Regel nicht die Frage beantworten „Warum sind Sie in Syrien geblieben?“ besonders unter den Umständen, die heute vorzufinden sind.

Weltweit gibt man heute unserer Revolution zumeist die Bezeichnung "Bürgerkrieg". Einige argumentieren, dass dies eine juristische Beschreibung der Situation ist. Andere betonen, dass dies eine politische Beschreibung ist!
Mich macht das wütend, die Welt gönnt unserer Revolution - aus der Komplexität der Beziehungen und Interessen - nicht einmal ihren Namen! Ja, es stimmt, die Fehler der Revolution haben sich in letzter Zeit vermehrt. Aber das nach einem Jahr und acht Monaten von Tötung und Zerstörung! Bei jedem Fehler entstanden zahlreiche Initiativen und revolutionäre Formationen, um eine Lösung für diese Fehler zu finden. Nicht immer herrscht die Stimme der Vernunft, wenn gleichzeitig das Dröhnen der Kampfflugzeuge, das Beben der Bomben und das Klagen der Mütter über ihre toten Söhne zu hören ist. Trotz alledem haben die Syrer nie aufgehört, selbstkritisch zu sein. Mag sein, dass es ihnen nicht immer möglich war - in einer Atmosphäre von Krieg und Vertreibung – Fehler zu korrigieren. Aber ihre Stimme war nie leiser geworden, wenn es darum ging, die Wahrheit zu sagen, und für die Gerechtigkeit zu kämpfen.

Währenddessen ließ die Welt Syrien im Stich. Sie war nicht imstande, die Wahrheit offen zu sagen. Es geht nicht nur um Regierungen und Regime, sondern auch um einige elitäre Kreise der Welt, die die syrische Revolution wie eine Abrechnung zwischen dem Imperialismus und den ihm widerstehenden Kräften betrachtet. Und in jeder Phase der Revolution wurde ein neuer Vorwand genannt, um eine Unterstützung der Revolution zu verhindern, sei es Israel oder al-Qaida oder die Dschihadisten, sei es zum Schutz der Minderheiten, sei es die Schwäche und Zersplitterung der politischen Opposition.

Das Recht des gesamten Volkes auf Selbstbestimmung, seine Führer selbst zu wählen, galt für niemanden als Priorität. Es galt auch nicht als erste Priorität, die Erniedrigungen und die Verbrechen der letzten vier Jahrzehnte zu beenden! Die Welt, im Osten und Westen, hat die Syrer nicht nur im Stich gelassen, sondern die grundlegenden Prinzipien der menschlichen Solidarität unterlassen. Die Folgen sind nicht mehr nur Tod und Zerstörung in Syrien, sondern es bleibt ein tiefer Riss, der in naher Zukunft nicht wieder gut zu machen ist, sowie ein Verlust an Vertrauen, der Grund sein wird für viele Komplikationen, die wir in Zukunft nach dem Ende der Revolution mit aller Voraussicht nach erleben werden.

Diese Tatsache lässt uns trotzdem nicht den Beistand von Millionen einfacher Menschen in Ost und West vergessen, die sich mit ihren bescheidenen Möglichkeiten als einfache Bürger mit der Revolution unseres Volkes solidarisiert haben. Und sie wird uns nicht den Beistand der Intellektuellen mit unserer Revolution vergessen lassen. In diesem Zusammenhang sind eine Reihe von Menschenrechtspreisen an syrische Aktivisten und Schriftsteller verliehen worden als Zeichen der Anerkennung der Revolution ihres Volkes und ihrer gebrachten Opfer.
Ich erinnere mich, als die Verleihung des Ibn Rushd Preises an mich bekannt gegeben wurde, dass meine Mutter, eine einfache syrische Frau, mich fragte, ob das derselbe Ibn Rushd sei, den wir einmal in einem Film gesehen hatten, der unterdrückt wurde und seine Bücher verbrannt. Als ich dies bejahte, lächelte sie zufrieden und blickte träumerisch. Da empfand ich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit.

Dieses Volk verdient zu leben. Wie alle anderen Völker auch. Es gab keinen Grund, Angst zu haben vor dem Wunsch dieses Volkes zu leben. Diejenigen, die Angst davor haben, müssen sich jetzt eigentlich Sorgen machen darum, was sich in diesem Volk angestaut hat in Folge des kontinuierlichen Sterbens und ihres eigenen Schweigen dazu.

Vielen Dank für Ihr Kommen, und vielen Dank dafür, ein Teil des humanen Appells für Freiheit, Würde und Gerechtigkeit zu sein.

Razan